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PAYPAL-CHEF IM GESPRÄCH: Beschleunigt die Krise den Niedergang des Bargelds?


Quelle: https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/paypal-chef-beschleunigt-corona-den-niedergang-des-bargelds-16774306.html


In der Corona-Pandemie versuchen viele Menschen, aus Angst vor einer

Infektion das Berühren von Dingen zu vermeiden. Das hat immense

Konsequenzen – auch beim Bezahlen. Das freut den Paypal-Chef.


Dan Schulman öffnete kürzlich bei sich zu Hause eine Schublade, und darin lag ein Zehn-Dollar-Schein. Das wäre eigentlich nicht sonderlich bemerkenswert, aber ihn brachte es zum Nachdenken. Es erinnerte ihn daran, wie selten er noch mit Bargeld in Berührung kommt. Er sagt, er habe üblicherweise keinerlei Scheine oder Münzen bei sich. Und registriere auch in seinem Umfeld eine schwindende Bedeutung von Bargeld. Ein Freund habe ihm erzählt, er habe seinem Kind zur Belohnung zwanzig Dollar gegeben – und Verwunderung geerntet, warum er das bar und nicht auf elektronischem Weg getan habe.


Als Vorstandschef von Paypal, einem Anbieter diverser Bezahldienstleistungen, hat Schulman großes Interesse daran, solche Geschichten zu erzählen. Wenn die Menschen anders als in bar bezahlen, hat sein Unternehmen Chancen, an Einkäufen mitzuverdienen. Bargeld hat sich freilich als recht beständige Bezahlungsform herausgestellt, gerade in Deutschland. Hierzulande werden nach jüngsten Erhebungen der Bundesbank noch immer mehr als 70 Prozent der Transaktionen in bar abgewickelt, wenn auch mit sinkender Tendenz.


Die Corona-Pandemie hat die Ausgangslage jedoch verändert. Nicht nur wird jetzt mehr im Internet eingekauft. Auch in der Offline-Welt versuchen viele Menschen, aus Angst vor einer Infektion das Berühren von Dingen zu vermeiden, mit denen womöglich andere kurz vorher in Kontakt waren. Das gilt nicht nur für Bargeld, sondern auch für das Kreditkartenterminal an der Kasse, dessen Tastatur und Stift zum Unterschreiben nun auf einmal als Gefahrenquelle wahrgenommen werden.


„Dies ist ein fundamentaler Wandel“


Daher sieht Schulman die Zeit gekommen, in der von immer mehr Verbrauchern der Nutzen von kontaktlosem Bezahlen erkannt wird. Zuvor hatten fast nur Unternehmen aus der Finanz- und Technologiebranche davon geschwärmt. Nach seiner Auffassung vollzieht sich nun eine Entwicklung, die ansonsten drei bis fünf Jahre in Anspruch genommen hätte, binnen Monaten, und er hält sie für unumkehrbar.


Der Anbieter blickt auf eine bewegte Geschichte zurück, mit der illustre Namen verbunden sind. Das Unternehmen wurde 1998 gegründet und hieß zunächst Confinity, unter den Gründern war Peter Thiel, der deutschstämmige Unternehmer und Investor, der sich auch als einer der ersten Geldgeber des sozialen Netzwerks Facebook einen Namen machte.


Confinity verschmolz bald mit einem anderen Unternehmen, das von Elon Musk mitgegründet wurde, dem heutigen Vorstandschef des Elektroautoherstellers Tesla und des Raumfahrtunternehmens Space X. Thiel und Musk zählen zur sogenannten „Paypal Mafia“, einem in der Technologiebranche geläufigen Begriff, mit dem die einstigen Führungsfiguren aus den frühen Tagen des Bezahldienstes gemeint sind, die später auch mit anderen Projekten von sich reden machten.


Wandel zum Finanzdienstleister


Das in Paypal umbenannte Unternehmen ging 2002 an die Börse und wurde noch im gleichen Jahr für 1,5 Milliarden Dollar an das Online-Auktionshaus Ebay verkauft. Paypal war dann lange als Anhängsel von Ebay bekannt, über das die dortigen Transaktionen abgewickelt wurden. Allmählich wurde der Bezahldienst aber zu einer wichtigen Säule im Konzern. 2015 spaltete sich Ebay auf, Paypal wurde zu einer separaten börsennotierten Gesellschaft, und Schulman, der vom Kreditkartenanbieter American Express angeheuert wurde, übernahm dort den Chefsessel. Die beiden Unternehmen haben sich seither auseinanderentwickelt. Laut Schulman entfallen heute nur noch sieben bis acht Prozent von Paypals Zahlungsvolumen auf Ebay-Transaktionen. Nach der Abspaltung seien es noch mehr als 20 Prozent gewesen. Und der Bezahldienst wird heute an der Börse mit fast 170 Milliarden Dollar bewertet, während der frühere Mutterkonzern nur auf rund 30 Milliarden Dollar kommt.


Paypal ist heute viel mehr als ein Vehikel, um Online-Einkäufe auf Ebay oder anderswo zu bezahlen. Das Unternehmen hat auch eine Reihe von Diensten für den Offline-Handel in stationären Geschäften, zum Beispiel für kontaktloses Bezahlen über einen sogenannten QR-Code auf dem Smartphone. Es hat verschiedene Plattformen, über die sich Menschen untereinander Geld schicken können, zum Beispiel um eine gemeinsame Rechnung im Restaurant zu begleichen.


Paypal vergibt sogar Kredite und hat gerade auch beim Verteilen von Corona-Finanzhilfen der amerikanischen Regierung an Verbraucher und kleine Unternehmen geholfen. Um den Aktionsradius auszuweiten, hat Schulman in den vergangenen Jahren viel auf Bündnisse mit anderen Finanzdienstleistern wie Mastercard oder JP Morgan gesetzt und damit potentielle Rivalitäten hintangestellt. Er hat auch rege zugekauft und beispielsweise vier Milliarden Dollar für Honey bezahlt, einen Spezialisten für Online-Rabatte. Schulman sieht Paypals Größe und die breite Aufstellung als erheblichen Wettbewerbsvorteil. Allein schon deshalb, weil Paypal so über große Mengen an Daten verfüge, die es erleichterten, betrügerische Transaktionen zu erkennen. „Die Leute haben viel Vertrauen in unsere Marke“, sagt er.


Die Corona-Krise hat gegenläufige Effekte. Einerseits leidet das Geschäft von Paypal, weil Partner wie der Fahrdienst Uber, der Zimmervermittler Airbnb oder der Konzertveranstalter Live Nation drastische Umsatzrückgänge verzeichnen und somit Paypal weniger an deren Transaktionen mitverdienen kann. Dem steht aber ein rasanter Anstieg der Nutzerzahlen gegenüber. Das Unternehmen sagt, es habe im April so viele neue Nutzer gewonnen wie noch nie, und am 1. Mai habe es die meisten Transaktionen in seiner Geschichte abgewickelt. Gerade viele ältere Menschen verwendeten in diesen Tagen zum ersten Mal digitale Paypal-Dienste. Und Plattformen zum gegenseitigen Versenden von Geld wie Venmo würden für immer mehr Dinge genutzt. Etwa um Online-Yogakurse zu bezahlen oder um an wohltätige Einrichtungen zu spenden.


Kontrast zum Shareholder-Value


Schulman ist überzeugt, dass die Corona-Krise dauerhafte Veränderungen anstößt, die auch dann Bestand haben, wenn sich der Gesundheitsnotstand einmal entspannt. In Restaurants werde nicht mehr mit Bargeld bezahlt und nur dann mit Kreditkarte, wenn es kontaktlos geschehe. Für viele Händler werde das Geschäft in physischen Läden „sekundär“ werden, und das gelte sogar für große Ketten wie Walmart. Die Menschen fühlten sich nicht mehr wohl in überfüllten Geschäften. Daher seien die Händler stärker auf Online-Kanäle angewiesen.


In der Zeit, die noch vergeht, bis ein Impfstoff gegen das Virus gefunden ist, wird sich laut Schulman ein neues Denken festsetzen: Etwa dass sich Lebensmittel, eine bislang vom Online-Handel erst wenig erschlossene Produktkategorie, einwandfrei über das Internet bestellen lassen. „Die Leute sehen, dass die Tomaten und der Salat, den sie geliefert bekommen, ziemlich gut sind, und dass jemand sie ausgewählt hat, der etwas davon versteht.“ Schulman führt die Entwicklung in Deutschland als Indiz für einen grundsätzlichen Wandel an. Obwohl hier Geschäfte wieder geöffnet wurden, halte sich das über Paypal abgewickelte Zahlungsvolumen auf gesteigertem Niveau und sei bis zu drei Mal so hoch wie vor der Corona-Krise. „Selbst die Deutschen, die überwiegend bargeldorientiert waren, bewegen sich zum digitalen Bezahlen hin.“ Der Paypal-Chef macht jenseits des Tagesgeschäfts auch oft mit seiner Auffassung von Unternehmensführung von sich reden. Er selbst nennt sie „Reverse Friedmanism“, also eine Art Kontrastprogramm zum Ökonomen Milton Friedman und dessen „Shareholder Value“-Denken, wonach es das oberste Ziel des Managements sein müsse, den Wert für die eigenen Aktionäre zu steigern.


Die Paypal-Aktionäre können sich zwar wahrlich nicht beklagen, aber Schulman versteht sie nicht als seine wichtigste Interessengruppe. Für ihn sind das die Mitarbeiter. Er hält es für seine Pflicht, sich um deren finanzielle Verfassung zu sorgen. Das Unternehmen hat jüngst die Arbeitnehmerbeiträge zur Sozialversicherung für niedrig bezahlte Mitarbeiter deutlich reduziert. „Wir müssen ein Unternehmen mit moralischer Verantwortung sein“, erklärt er sein Vorgehen.


Der Paypal-Chef distanziert sich mit seiner Philosophie noch weiter vom „Shareholder Value“-Ansatz, als es im vergangenen Jahr der „Business Roundtable“ getan hat, eine Lobby-Vereinigung mit prominenten amerikanischen Managern. Die Gruppe gab sich neue Prinzipien, wonach Unternehmen nicht mehr zuallererst im Dienst ihrer Aktionäre stehen, sondern sich einer breiteren Palette von Interessengruppen verpflichtet fühlen sollten, also etwa Mitarbeitern, Lieferanten und der Umwelt. Schulman sagt, er sehe mittlerweile tatsächlich einige „progressive Unternehmen“, die solche Versprechungen in die Tat umsetzten, aber das sei nicht genug. „Ich denke, es müssen noch viel mehr Unternehmen klar demonstrieren, dass ihr Sinn nicht nur darin besteht, Geld zu verdienen.“


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Jürgen Fazeny

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